Titanenträume

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Natürlich hat Marlon Brando sich nicht hingesetzt und einen Roman geschrieben. Angeblich hatte er bis 1957 noch nicht mal einen gelesen. So jedenfalls erzählt es uns der geschwätzige Truman Capote in seiner launigen Beschreibung eines »Herrenabends«, den er während der Dreharbeiten an Micheners Bestseller »Sayonara« mit Brando in dessen Hotelzimmer verbracht hat. Sein darauf basierender Artikel »Der Fürst in seinem Reich«, der 1957 erstmals im New Yorker erschienen war, festigt das Bild vom großen gelangweilten Genie Brando, ist ein brillanter Mosaikstein zur Mythenbildung um einen der eigenwilligsten Charakterdarsteller des 20. Jahrhunderts.
Als amusantes und hintergründiges amuse gueule hat der mare Verlag nun die Textfassung aus Capotes Erzählband »Wenn die Hunde bellen« dem Roman »Madame Lai« vorangestellt, der seit seinem Erscheinen Ende März für Schlagzeilen sorgt. Autor: Herbert Debes, glanzundelend.de

Ein echter Nackenbeißer

Madame Lai ist die mehr oder weniger gefilterte Essenz von Marlon Brandos romantischen Träumen, Abenteuerphantasien und erotischen Obsessionen – »das Vermächtnis eines entfesselten Genies, in dem in einem Sturm aus Sex und Verbrechen zwei Giganten aufeinanderprallen«. Hongkong 1927: Brandos Alter Ego, Kapitän Anatole «Annie» Doultry, sitzt eine sechsmonatige Gefängnisstrafe ab. Im Knast lernt er den chinesischen Piraten Hai Cheng kennen. Dieser dient unter Madame Lai, der berüchtigsten, durchtriebensten und schönsten Verbrecherin, die je auf dem chinesischen Meer ihr Unwesen getrieben hat. Hai Cheng droht die Todesstrafe, doch Annie gibt ihn als seinen Schiffskoch aus und rettet ihm damit das Leben. Kaum ist Annie wieder auf freiem Fuß, bietet ihm Madame Lai ihre Komplizenschaft an – beim wagemutigsten Überfall ihrer Piratenkarriere. Der Coup gelingt, und die beiden erbeuten 300 Perlen im Wert von 400 000 Dollar. Da zeigt sich Madame Lai als gefährliche Verbündete – eine Frau mit ebenso großer Macht wie bezwingenden Reizen. Doch nur zu gern lässt sich Annie auf ein Spiel mit dem Feuer ein …

Aus diesem abenteuerlichen Plot wollte Brando mit seinem Freund, dem Regisseur und Produzenten Donald Cammell einen Piratenfilm machen, und die beiden zogen sich mit ihren Clans Ende der 70er Jahre auf Brandos Südseeparadies Teti’aroa bei Tahiti zurück, um daraus ein Drehbuch zu stricken. Die Zusammenarbeit der beiden unterschiedlichen Charaktere gestaltete sich allerdings einigermaßen chaotisch, wie in dem spannenden Nachwort «Die Geschichte eines Romans« von David Thomson nachzulesen ist. Thomson ist es auch, der die Geschichte, im Auftrag der Erben, auf der Grundlage eines 12 seitigen Abrisses von Cammell zu Ende geschrieben hat.

Für sich alleine genommen ist »Madame Lai« ein echter Nackenbeißer, der seine Leser finden wird, die sich nicht lange mit literaturkritischen Mäkeleien gelangweilter Germanisten aufhalten, sondern in die Träume eines Titanen der Filmgeschichte eintauchen wollen. Als Gesamtkunstwerk ist dieses Buch, angefangen vom stilsicheren Umschlag, über die Dramaturgie der darin versammelten Texte ein aufschlußreiches Dokument darüber, daß Titanen auch im Scheitern groß sind. Herbert Debes, glanzundelend.de

 

Marlon Brando/ Donald Cammell
Madame Lai
Ins Deutsche übersetzt von Gregor Hens
Mare
€ 19,90 [D] / sFr 34,90
ISBN 978-3-86648-058-2

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