Action-Horst (10): Ivana

ivanagoliath2.jpgHorst sah scheiße aus. Er hatte die ganze Nacht durchgeweint. Was hatte er getan? Was hatte er unterlassen? Nachdem er Richards Unterschlupf mit einer Säurebombe in eine zähe graue Masse verwandelt hatte, ging er auf den Frauenstrich um sich eine Nutte zu besorgen. Eine russische mit typisch slawischen Zügen fand er am besten. Seine kalten Augen tasteten sie ab. Ihr Haar war platinblond. Sie hatte es erst kürzlich nachfärben lassen. Sex lag Horst zunächst fern. Er wollte reden. Nutten sind nicht unbedingt zum Reden da, das wünschen normalerweise nur diese impotenten, masochistischen Opis die sich von ihren Feuerzeichen-Ehefrauen verkloppen lassen, aber Horst hatte seinen einzigen Freund verloren und auf die schnelle würde er keinen neuen finden.

Kaum waren sie in dem schäbigen Hotelzimmer, zog sich die Russin aus. Als sie nackt war sagte Horst „Nene! Nix ficken! Reden! Zuhören! Trösten!“
„Au scheiße…“ sagte die Nutte auf Russisch. Horst tat so als würde er es nicht verstehen. Vielleicht hatte er es auch gar nicht verstanden und dann begann er zu sprechen. Von Richard. Von sich. Von ihrer tiefen Männerfreundschaft, die so gar nicht zu vergleichen ist mit dem was Frauen so Freundschaft nennen. Das es aber nie sexuell war, das sie ihn da nicht falsch verstehen dürfe. Auf keinen Fall.

Horst versuchte vor allem die emotionalen Momente die ihn mit Richard verbanden herauszuarbeiten. Wie mit einem Skalpell schnitt er sie solange zurecht bis er die Essenz ihrer emotionalen und beruflichen Verstrickung in Händen zu halten glaubte. Was sie nicht alles geplant hatten! Die verlorene Jugend hatten sie erreichen wollen. Ihnen Leitbilder geben! Leitbilder sein! Solche die bestand haben wie Trutzburgen aus Granit in einer Zeit in der ein unaufhörlich wütender Medienorkan ungefilterten Scheißdreck in die zarten Gesichter unserer Kinder – unserer Zukunft! – schleudert.

Horst sezierte Gesagtes in immer kleinere, immer konzentriertere Bruchstücke, um diese anschließend mit einem Kondensat aus Blut und Ehre zu überschütten. Ungefähr da wuchs Horst eine deutlich sichtbare Erektion zwischen seinen Beinen. Iwana, so nannte Horst die Nutte, war während des ganzen Zuhörens nackt geblieben, so dass sich die Trostspende übergangslos in handfesten Sex transferieren ließ. Kurz danach fragte sie in gut verständlichem Deutsch:
„Sie sind Agent, nicht wahr?“
„Vielleicht“ antwortete Horst. Er wollte nicht zuviel verraten. Oder wusste sie schon alles? War es vielleicht kein Zufall das er bei ihr gelandet war?

Tausend Möglichkeiten erschienen vor seinem geistigen Auge und breiteten sich wie ein neuronales Flechtwerk aus. Jede Gabelung eine Entscheidung, eine Möglichkeit, ein neues Szenario, ein neues Kapitel… In seinem Assembler geschulten Geist stellte sich an jeder Gabelung einmal die Kardinalsfrage: umbringen oder nicht umbringen. Das lachende und das weinende Auge in unserem bipolaren Universum oder, um es etwas fröhlicher auszudrücken: leben und leben lassen. Natürlich in der korrekten Auslegung, nicht in der demokratischen Weichspülerfassung. Ivana wollte er nicht umbringen.

Das mit Manfred hatte ihn schon leid getan und Ivana hatte ihm gut zugehört.
„Iwana ich danke Dir!“ sagte Horst und verließ das billige Hotel.
Noch in Trauer erreichte Horst seinen maroden Unterschlupf. Der Morgen begann allmählich zu grauen. Er wollte jetzt nur noch schlafen schlafen schlafen – aber dazu sollte er vorerst keine Gelegenheit haben.

In Horst´s Vorgarten standen Polizisten. Im Grunde Kollegen, aber da Horst die im Prinzip selben ehernen Ziele häufig mit ungewöhnlichen und damit illegitimen Mitteln verfolgte, wusste er das dies auch Ärger bedeuten könnte.

Horst versuchte seine Müdigkeit zu bekämpfen, indem er sich feste die Backen tätschelte, da sah er wie zwei Beamte in Seuchenschutzanzügen einen stark verwesten, teilweise skelettierten Leichnam aus seinem geräumigen Briefkasten hoben: Heidi! Au scheiße, die hatte Horst ganz vergessen. Er hatte in letzter Zeit einfach zuviel um die Ohren gehabt. Mit denen reden machte keinen Sinn, zumal in Horst´s Position. Die durften ja nicht mal wissen, dass es ihn überhaupt gab!

Da der Motor noch lief brauchte Horst ihn nicht mal neu starten. Er drehte einfach und fuhr davon. Er war sich ziemlich sicher das sie ihn verfolgen würden, also fuhr er ziemlich schnell.
Noch während der Fahrt aktivierte Horst die Selbstzerstörung seines Unterschlupfes. Säurebomben, die in ausreichender Anzahl in seinem Domizil versteckt waren, zersetzten alle Innenräume. Von Außen merkten man nichts, aber wenn die Polizisten den Unterschlupf aufbrechen würden, würden sie nichts außer der schleimigen Masse finden, in welche Horst auch Richards Unterschlupf umgewandelt hat. Dann parkte er seinen Wagen und zersetzte auch diesen zu grauer Masse und bestieg einen seinen vielen Zweitwägen. Horst wollte jetzt erst recht nur noch schlafen, aber allein sein wollte er auch nicht. Nach all dem. Er musste Ivana finden. Im Polizeifunk suchte man nach einem großen starken gutaussehenden Mann mit zerzausten Haaren. Der Scheißkaugummi, dachte Horst. Ivana wird mir die Haare schneiden müssen.

Es dauerte nicht lange da hatte er Ivana gesunden. Er hatte sie vorher mit einem Micro-Peilsender versehen den er ihr beim Verkehr in den Hintern geschoben hatte. Sie war gerade mit einem Kunden auf dem Zimmer. Einer dieser perversen impotenten Opis die nur reden wollen. Iwana war nichtmal nackt. Als Horst das schäbige Hotelzimmer betrat verließ der Opa es fluchtartig ohne das Horst Gewalt anwenden musste. Ivana protestierte, sie sagte das sei ihr Kunde gewesen und sie ja schließlich Geld verdienen, Deutschland sei ein teures Land und in Kalinigrad würden Oma, Opa, Tante und Onkel und viele weitere hungrige Mäuler auf ihre monatliche Geldsendung warten, und wenn Horst nun nicht verschwinden würde, dann würde sie Guido holen, der sehr brutal sei.

Guido hieß also ihr Zuhälter. Horst sagte, dass er jetzt ihr Zuhälter sei. Ivana sagte Guido würde ihn umbringen, da sagte Horst: „Ich werde Guido umbringen, aber erst Morgen, denn jetzt muss ich schlafen!“ und dann schnappte er sich Ivana, sprang mit ihr unterm Arm aufs Bett, zwang sie in eine Kuschelposition als wäre sie ein Teddybär und schlief ein wie ein Baby.
„Scheiße“ sagte Ivana leise auf Russisch, da sie Horst nicht wecken wollte. Bei allem was sie durchgemacht hatte, ihr großes russisches Herz hatte sie sich bewahrt. Toi, toi, toi Ivana !

In den Morgennachrichten wurde groß und breit von einem schrecklichen Verbrechen berichtet bei dem elf Polizisten einer Sonderermittlungstruppe zu schleimiger grauer Masse zersetzt worden waren. Es waren also doch Polizisten im Unterschlupf gewesen. Scheiße, dachte Horst und dachte dabei an die Frauen und Kinder von denen. Bestimmt hatten die so was. Horst rechnete aus: Wenn jeder durchschnittlich eineinhalb Kinder hat und eine Frau dann sind das bei elf zersetzten Polizisten elf heulende Frauen und sechzehneinhalb heulende Kinder. Das war Gabi nicht wert gewesen, bei Gott nicht. Scheiß Gaby. Horst schlug vor Wut einmal feste auf das Armaturenbrett seines Voyagers. Horst war schon wieder unterwegs – er hatte noch so einiges vor. Ganz wichtig: Einen neuen Unterschlupf bauen. Mehr Horst und geile Stories hier!

Foto aus: „Pulp Fetish“
Fred Berger, Goliath Verlag
ISBN-13: 978-3-936709-27-8

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